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teuflische spiele Kapitel 1

Gäste des Xanadu, des neuesten und elegantesten Hotels in Miami Beach, trafen entweder mit einer Flughafenlimousine, einem Taxi oder einem neuen Wagen besserer Marke ein. Mrs. Robert Lee Rutledge aus Richtung Richmond, Virginia, kam mit dem Linienbus der Collins Avenue. Sie war eine zierliche Frau, sah aus wie ein zerrupfter Vogel und trug einen Hut, der Ähnlichkeit mit einem verlassenen Nest hatte. Sie stieg mit ihrer schwarzen Handtasche, einem alten Handkoffer und einem großen braunen Papiersack aus dem Bus, tätschelte ihn, als wäre er ihr Privateigentum, und gurrte zärtlich: "War das aber eine nette Fahrt!" Dabei ließ sie ihre Handtasche fallen, aus der ein Röhrchen Aspirin, ein in eine Papierserviette gewickeltes Stück Zwieback, siebzehn Cents, eine Orange, ein drei Wochen alter Brief von ihrer verheirateten Tochter und eine gelbe Karte vom Amerikanischen Kontrakt-Bridge Verband fielen, die bestätigte, dass Mrs. Rutledge ein Master mit zwanzig oder mehr Masterpunkten war. Die Karte bildete ihr wertvollstes Besitzstück. Sie sammelte die verstreuten Dinge ein und blickte zum Xanadu empor, das der Schauplatz des Nationalen Frühjahrsturniers des Amerikanischen Kontrakt-Bridge-Verbandes sein würde. Das Xanadu thronte auf seinen fünf Hektar Strandgebiet wie ein riesiger Hochzeitskuchen mit Dachfirsten, Minaretten und Balkonen in Zuckerglasur. Über der Vorderfront formten Neonröhren, durch die ein schmaler goldener Strom floss, die Buchstaben X-A-N-A-D-U. Der Name stammt aus der ersten Zeile des Gedichts von Coleridge: "Und Kublai Khan verfügte, dass in Xanadu ein Prachtpalast gebaut ward, ihm zur Freude." Hotelnamen, die sündigen Luxus andeuteten – Deauville, Fontainebleau, Versailles und dergleichen –, waren in Miami Beach sehr gefragt. Das volle Wort blieb einige Sekunden erleuchtet, dann verschwand es, und das goldene Flüsschen begann wieder von Anfang an zu fließen. Mrs. Rutledge betrachtete das Zwanzig-Millionen-Dollar-Hotel und stellte fest, es müsste doch ein recht netter Platz zum Bridge spielen sein.

Während sie sich, Handtasche, Koffer und Riesenpapiersack in den Händen, auf den Weg zum Hoteleingang machte, sagte einer der Portiers: "Ob man’s glaubt oder nicht, sie kommt hierher. Na schön, einer von euch geht hin und hilft ihr." Keiner rührte sich, daher sagte der Portier in scharfem Ton: "Na also, Juan, du bist dran." Der zwanzigjährige Juan Gomez, der vor kurzem aus Castros Kuba herübergekommen war, seufzte und stieg die Treppe hinunter. Trotz seiner kurzen Erfahrung wusste er bereits, dass von einem Gast, der mit dem Bus ankam, als Gepäck nur einen alten Handkoffer und einen großen Papiersack, kein lohnendes Trinkgeld zu erwarten war. Er sagte zu Mrs. Rutledge: "Guten Morgen, Madam, ich nehme Ihre Sachen, ja?" "Ach, wie nett von Ihnen", zwitscherte sie. "Und bitte geben Sie acht mit dem Papiersack, die Kleidungsstücke darin müssen gewaschen werden, und ich möchte nicht, dass sie vor aller Augen ausgebreitet werden; in dem Sack ist nämlich ein kleiner Riss, und er könnte ganz zerreißen. Ich bin zum Bridgeturnier hier." "Bridge?" sagte Juan verständnislos. "Ja, zum Turnier." Bridge, dachte Juan, das war ein Wort, das er heute schon des Öfteren gehört hatte; er musste doch mal feststellen, was es bedeutete. "Hierher, bitte", sagte er.

Die Hotelhalle, in die Mrs. Rutledge eintrat, maß ein Viertel Hektar und war an drei Seiten von einem tropischen Urwald umgeben, der zwanzig Meter hoch zum Himmel wuchs. Es war kein feindlicher, sondern ein wohnlicher Urwald, der durch riesige Glaswände von der Halle zurückgehalten wurde. Hinter dem Glas rankten sich Palmen, Orchideen und allerlei andere Pflanzen auf sorgfältig verteilten Felsen nach oben. Verborgene Lampen erhellten Ausblicke auf Miniaturweiher und –wasserfälle. Im Inneren der Halle hatte der Architekt rund um schwarze Tische, schwarze Stühle und Sofas aus Vinyl gruppiert und sie mit Kissen in Feuerrot, Orange und Gelb garniert. Der palmblattgüne quadratische Teppich mit mehr als 30 Meter Seitenlänge war gut ein Zoll dick, mit großen, erhaben herausgearbeiteten Mustern in Rosa, Purpur und Orange, die aussahen wie exotische Wasserlilien auf einem Teich. Im Osten öffneten sich die Urwaldwände und ließen Freiluftschwimmbassins und Badehütten im Patio und, im Hintergrund, den Atlantischen Ozean sichtbar werden.

Die Halle verursachte bei Mrs. Rutledge ein unbehagliches Gefühl, eine bei ihr recht seltene Reaktion. Sie war nicht sicher, ob das Xanadu sich der Tatsache gegenüber, dass sie die Rechnung nicht bezahlen konnte, so nett verhalten würde wie die meisten anderen Hotels. Sie war aber gar nicht feige, außer ab und zu, wenn es galt, einen Schlemm anzusagen, daher schritt sie zur Rezeption, sagte ihren Namen und dass sie für die zehn Tage des Bridgeturniers ein Zimmer bestellt habe. Eines wusste sie jedenfalls: zeitlich lag sie richtig. Es war erst elf Uhr morgens, noch hatte der Massenandrang nicht eingesetzt, und man würde im Hotel Zeit haben, ihr Problem mit Bedacht und, wie sie hoffte, mit Wohlwollen in Erwägung zu ziehen. Sie schrieb sich ein und wartete, bis der Angestellte den weißen Zettel mit ihrer Zimmernummer und dem Preis, $16 pro Tag, ausgefüllt hatte. "O weh", sagte sie in klagendem Ton, "ich wusste nicht, dass es so viel sein würde." Der Kopf des Angestellten machte einen Ruck nach oben, und er sagte ungläubig: "Zuviel? Sechzehn im Tag?" Der Fehler liegt sicher bei mir", sagte sie, während ihr weicher Virginiaakzent wie tröstender Balsam von ihren Lippen strömte. "Ich sehe in letzter Zeit wirklich nicht sehr gut, und ich glaubte auf der Bestätigung, die Sie mir geschickt haben, sechs Dollar gelesen zu haben. Aber ich hatte natürlich nicht die leiseste Ahnung, was für ein bezauberndes Hotel das hier ist, sonst hätte ich gewusst, wie albern das von mir war. Wie Bobby immer sagte – das war mein verstorbener Mann, Robert Lee Rutledge –, er pflegte zu sagen, Mary Rose, du bist so hübsch wie ein Kolibri, aber du hast auch nicht mehr Verstand als einer dieser Vögel. Das war natürlich vor unvordenklichen Zeiten, vielleicht sah ich damals hübsch aus, zumindest für Bobby. Könnte ich mit dem Direktor, o Gott nein, ich möchte keinen so wichtigen Mann mit meinem kleinen Problem belästigen, aber vielleicht sonst jemand?"

Die Falte auf der Stirn des Rezeptionsbeamten glättete sich allmählich, während die weiche Stimme seine Ohren umschmeichelte. Gegenüber Beschwerden, Geknurre, Spott und Vorwürfen war er abgehärtet, doch das war anders. Die alte Dame hatte gleich zu Beginn zugegeben, dass sie Unrecht hatte. Und die Bemerkung, sie sei einmal hübsch gewesen, wenigstens für ihren Mann, kam irgendwie gut an bei ihm. "Augenblick mal", sagte er und entfernte sich. Kurz darauf kam ein anderer Mann an die Theke und sagte lebhaft: "Guten Morgen, ich heiße Rothman und bin der zweite Direktor. Es scheint hier ein Missverständnis vorzuliegen?" "Auch Ihnen einen guten Morgen", flötete Mary Rose Rutledge. "Wirklich sehr nett von Ihnen, dass Sie sich für mich alte Person Zeit nehmen. Das einzige Missverständnis liegt bei mir und meinem Vogelhirn, und es würde mir um nichts in der Welt einfallen, Sie zu belästigen, wenn ich nicht so lang gespart und mich so sehr darauf gefreut hätte. Es ist mein erstes nationales Turnier. Halten Sie mich nun nicht für eine Hinterwäldlerin, die nicht Bridge spielen kann, nur weil es mein erstes nationales Turnier ist! Ich rangiere in der Bewertung als Masterspielerin. Hier, diese Karte beweist es." Sie holte die gelbe Karte aus ihrer Handtasche und zeigte sie ihm. "Hier steht, dass ich zwanzig oder mehr Masterpunkte erreicht habe, ich muss aber offen zugeben, es sind genau zwanzig, sechzehn schwarze und vier rote Punkte. Wenn aber jemand rote Punkte besitzt, dann spielt er recht gut Bridge, denn rote Punkte kann man nur bei National-oder Regionalturnieren gewinnen."

 

Während J.B. Rothman lauschte, wurden seine Sinne sanft eingehüllt; er schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Rote Punkte! Was waren das für rote Punkte, zum Teufel? Als Kind hatte er während des zweiten Weltkriegs seine Mutter davon sprechen hören, dass man rote Punkte brauchte, um Fleisch zu kaufen. Er versuchte wieder auf das vorliegende Problem zu kommen. "Es handelt sich also anscheinend um den Zimmerpreis, nicht wahr?" fragte er. "Sechzehn Dollar? Mrs. Rutledge, der 10. März fällt für uns in die Hauptsaison, das für Sie reservierte Zimmer kostet zum Normalpreis im März achtundvierzig Dollar. Wir haben für dieses Bridgeturnier wirklich Sonderpreise veranschlagt." "Ja, ganz sicher, und ich weiß, das Zimmer wäre wunderschön und ist auch bestimmt den geforderten Preis wert, aber ich habe dem netten jungen Mann, der mit mir sprach, bereits gesagt, ich habe mich bei der Bestätigung, die Sie mir sandten, verlesen, ich glaubte, es seien sechs und nicht sechzehn Dollar pro Tag für das Zimmer. Ich bekomme nur achtundsiebzig Dollar und vierzig Cents von den lieben Leuten der Sozialversicherung, und zweihundert von einer Treuhandstiftung, die Bobby vor seinem Tod abgeschlossen hat – das war mein verstorbener Mann, Robert Lee Rutledge –, und ab und zu schickt mir meine drüben in Baltimore verheiratete Tochter einen Zehndollarschein in einem Brief; das ist alles, was ich bekomme, und ich habe mich so darauf gefreut, in Ihrem reizendem Hotel zu wohnen." "Mrs. Rutledge", sagte er, nicht ganz so lebhaft wie zuvor, "wir haben vierhundert unserer Zimmer zum Sonderpreis für dieses Turnier reserviert, sie sind alle besetzt, und wir werden pausenlos von überallher angerufen, ob noch etwas frei ist. Wenn Sie unangemeldet kämen, könnte ich Ihnen nicht einmal ein Zimmer für achtundvierzig Dollar am Tag geben." "Einfach schrecklich, dass ich Sie so belästige", sagte die sanfte Stimme. "Bobby hat es ja auch gleich nach unserer Hochzeit gesagt, Mary Rose – so heiße ich –, Mary Rose, du bist ein lästiges Mädchen. Es ist natürlich schon lange her, dass ich ein Mädchen war, aber leider bin ich immer noch lästig. Hätten Sie nicht vielleicht eine kleine Besenkammer, die Sie mir geben könnten? Ich bin mit ganz wenig zufrieden."

Der Angestellte hatte J. B. Rothman gesagt, die alte Dame hätte so ’ne gewisse Art, mit der sie einen weich machte, aber ihn würde sie doch nicht weich machen, oder? Er sagte schwach: "Madam, im Xanadu gibt es keine Besenkammern. Wir haben eine eingebaute Staubsaugeranlage." Sie sagte leise: "Ich würde auch kaum Ungelegenheiten bereiten. Mein Gott, ich könnte sogar mein Bett selbst machen." Es war unglaublich, sagte sich Rothman. Das konnte sie ihm doch nicht antun. Er griff nach der Aufnahmekarte, strich die $16 durch, schrieb statt dessen $6, paraphierte sie und stellte den Preis auf ihrer Zimmerkarte richtig. Am Monatsende würde der Buchprüfer deshalb anfragen, der Direktor würde wissen wollen, wie zum Teufel das möglich sei, und J. B. Rothman würde nicht in überzeugender Weise erklären können, was Lächeln, honigsüßer Akzent und flehender Blick einem anzutun vermochten. "Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt bei uns", sagte er mit erstickter Stimme. "Und bitte, machen Sie Ihr Bett nicht selbst, das Zimmermädchen ärgert sich sonst noch. Page, bringen Sie die Dame in ihr Zimmer." Er wandte sich ab, ehe sie ihn mit Dankbezeugungen überschütten konnte. Mrs. Rutledge folgte Juan Gomez zu der Grotte, die zu den Fahrstühlen führte, und Rothman knurrte zu dem Rezeptionsbeamten: "Ich glaube, da sind wir reingelegt worden." "Hatten Sie einen schlechten Eindruck von ihr?" fragte der andere. "Nein, ich bin nur ganz wirr."

Rothman blickte Mrs. Rutledge nach und fragte sich, aus welchem Grund sie so weit zu einem Bridgeturnier gefahren war. Er verstand die üblichen Zusammenkünfte, bei denen sich Leute versammelten, um Geschäfte abzuwickeln, die sie in kleinen Gruppen nicht zu erledigen vermochten. Aber um Bridge zu spielen, brauchte man nur vier Menschen, nicht wahr? Warum kamen sie dann in Schwärmen heran, um täglich bis zu acht Stunden lang auf kleinen vergoldeten Stühlen zu sitzen und einander kalten Rauch ins Gesicht zu blasen? Das war ein Rätsel, wie die Lemminge, die quer durch Norwegen hasteten, um sich in die See zu stürzen. Nun, hoffentlich kam Mrs. Rutledge auf ihre Rechnung. Wenn sie beim Bridgespiel so geschickt war wie bei Hotels, dann musste sie Meisterin sein.

Mrs. Rutledge, die beim Bridge nicht so geschickt war wie bei Hotels und tatsächlich gar nicht wusste, dass sie ein Spiel mit Hotels spielte, das sie immer gewann, trabte glücklich hinter Juan Gomez her. Wenn man den Leuten sein Problem erklärte, überlegte sie, waren sie wirklich nett. Sie wusste nicht, was sie hätte anfangen sollen, wenn es keine Turniere gegeben hätte, zu denen man fuhr, und mit den zweihundertsiebzig Dollar und vierzig Cents im Monat konnte man sich’s nicht leisten, diese horrenden Hotelpreise zu bezahlen. Mein Gott, da war das Essen und das Fahrgeld für den Bus zum nächsten Turnier, und auch noch die Gebühr für jeden Bridgedurchgang. Bei nationalen Turnieren volle drei Dollar für jedes Mal, das sie spielte! Sie glaubte nicht, dass sie für mehr als fünfmal zahlen konnte, sechsmal, wenn sie mit dem Essen Glück hatte.

Juan Gomez führte sie in das Zimmer im zweiten Stockwerk, machte die Runde, um die Einstellung der Klimaanlage zu kontrollieren und die Vorhänge aufzuziehen, während Mrs. Rutledge leise Ausrufe des Entzückens über die Größe des Zimmers, die elegante Einrichtung und die zwei Betten – beide für sie, wenngleich sie nur eines benützen würde – von sich gab. Juan war mit seiner Aufgabe zu Ende und wandte sich zögernd der alten Dame zu, ohne eigentlich ein Trinkgeld zu erwarten. Sie nahm ein Zehncentstück aus ihrer Geldbörse und reichte es ihm mit zweifelndem Lächeln, denn manchmal waren Hotelpagen nicht freundlich, wenn sie zehn Cents bekamen. Juan warf einen Blick auf das Geldstück; bei manchen Gästen war bei einem Dollar nicht mehr als ein Kopfnicken angebracht, aber für die Senora waren zehn Cents wirklich eine große Summe. Er wollte das Geld nicht nehmen, aber das hätte vielleicht wie eine Beleidigung ausgesehen, also nahm er es, verbeugte sich und sagte "Mil gracias, Senora"; dann ging er.

Mrs. Rutledge packte ihre Sachen aus und wusch ihre Wäsche im Badezimmer – es war fast eine Sünde, in einem so schönen Zimmer zu waschen –, steckte ihr elektrisches Plätteisen an und bügelte die Falten aus dem Kleid, das sie abends bei der Wohltätigkeitskonkurrenz für Paare tragen würde, dem ersten Wettkampf des Turniers. Dann ging sie zu der Tür, die zum Balkon führte, und trat hinaus. Die Aussicht raubte ihr den Atem. Hauptgebäude und Seitenflügel des Xanadu umschlossen einen mächtigen Patio, in dem Palmen standen, grüne Springbrunnen schäumten und drei Schwimmbecken diamantfarben in der Sonne glitzerten. Zwei von den Becken waren mit gefiltertem Salzwasser gefüllt; im Atlantischen Ozean jenseits der Kaimauer schwamm fast niemand, denn dort gab es allerhand unsaubere Meerespflanzen und manchmal sogar die blauen Flossen der Portugiesischen Staatsgaleere, einer stacheligen Röhrenqualle. Ein Becken war mit einer Einfassung umgeben und mit geheiztem Süßwasser gefüllt, für den Fall, dass ein Gast keine Lust hatte, sich mit einem Seewasserbecken zu begnügen.

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